AUF DEM WEG IN DIE ARBEITSWELT DER ZUKUNFT / BaZ 3.4.14

In die alte Textilfabrik DMC am Stadtrand von Mulhouse ziehen Gestalter, Planer, Handwerker und andere Kreative ein
Von Peter Burri, BaZ Basler Zeitung, 3.4.14

Mulhouse/Basel. Die Zukunft beginnt vielleicht in Mulhouse, mit Unterstützung aus Basel. Die elsässische Industriestadt, die einst als «französisches Manchester» galt, wäre jedenfalls ein geeignetes Pflaster für neue Ideen. Denn sie hat in den letzten Jahrzehnten den Strukturwandel besonders zu spüren bekommen. Wohl beschäftigt PSA Peugeot Citroën da noch immer 8000 Mitarbeiter, doch die europäische Automobilproduktion schrumpft. Zweitgrösster Arbeitgeber in der Region Mulhouse ist mit rund 6000 Stellen der EuroAirport, dann sinken die Zahlen schon bald in den dreistelligen Bereich. Die einst stolze Textilfabrik DMC (Dollfus-Mieg et Compagnie), die in ihrer Blütezeit 10000 Menschen Brot gab, lag nach einer drastischen Restrukturierung noch bis vor Kurzem im Dornröschenschlaf: ein eindrückliches Ensemble von Backsteinbauten, das zwischen 1870 und 1930 entstand, auf einem Gelände von 100000 Quadratmetern. Diese Industriebrache ging 2008 an die öffentlichrechtliche Gesellschaft SERM (Société d’Equipement de la Région Mulhousienne), die als Motor für die urbane Entwicklung fungiert.

Stunde des Visionärs

Für das DMC-Areal und sein weiteres Umfeld am nördlichen Stadtrand von Mulhouse ist eine gemischte Nutzung vorgesehen: nachhaltiges Wohnen und Wirtschaften, Kultur und Begegnungszonen. Seit 2010 liegt auch ein entsprechender schicker Projektentwurf in der Schublade. Doch die finanziell gebeutelte Stadt kann nicht alle Eisen im Feuer gleichzeitig schmieden. Nach Grossprojekten wie dem Umbau einer ehemaligen Giesserei zu einem Unigebäude («La Fonderie»), in dem auch die neue Kunsthalle untergebracht ist, und der Wiedereinführung des Trams lag die Priorität in den letzten Jahren bei der Aufwertung des Stadtzentrums, das immer mehr zu verwahrlosen drohte, und bei der Entwicklung des Bahnhofsgebiets. So kam die Stunde des Visionärs Mischa Schaub, Leiter des Institutes für postindustrielles Design an der HGK Basel (Hyperwerk HGK FHNW). Als er die DMC-Brache entdeckte, sah er dort einen idealen Ort, um konkret zu erproben, was er mit seinen Studierenden im Auge hat: die Arbeitswelt der Zukunft. Wie andere Auguren ist auch Schaub überzeugt, dass Europa sich darauf einrichten muss, eine postindustrielle Gesellschaft zu werden, die sich kreativ neuerfindet – und dabei modernste Technik ebenso klug nutzt wie das gute alte Handwerk.

Sanfte Anpassung des Baus

Unter dem Namen motoco («more to come») gründete Schaub in Mulhouse mit Partnern aus Frankreich und Deutschland einen Verein, der auf dem Areal den stattlichen Bau 75 mit 10 000 Quadratmetern Fläche bis zum Jahr 2025 mieten konnte. Auf den drei weitläufigen Stockwerken werden nun einzelne Räumlichkeiten günstig untervermietet: an Kunst- und Medienschaffende, Gestalter, Planer, Handwerker und weitere Kreative aller Art. So hat sich kürzlich etwa auch der französische Ableger der «Incredible Edible» – Bewegung angemeldet, die sich für neue, bürgernahe Formen der Landwirtschaft einsetzt. Aber nicht eine nostalgische Nische soll für Schaub auf dem Fabrikgelände entstehen, sondern ein «internationaler Hub für Arbeitsformen der Zukunft». Vernetzt ist motoco über die HGK Basel hinaus mit den Kunsthochschulen von Mulhouse und Strassburg, mit der Offenburger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Medien und weiteren Institutionen. Diese sind aber nicht mit finanziellen Extraleistungen eingebunden, sondern im Rahmen ihrer budgetierten Lehrprogramme.

Bis vor Kurzem im Dornröschenschlaf. Der stattliche Bau 75 mit 10000 Quadratmetern Fläche wird als Erstes umgenutzt werden. Der Rest soll folgen.

Bis vor Kurzem im Dornröschenschlaf. Der stattliche Bau 75 mit 10000 Quadratmetern Fläche wird als Erstes umgenutzt werden. Der Rest soll folgen. 

So betont Schaub denn auch, dass er als Privatperson im Bau 75 eingemietet ist. Seinen Studierenden bietet das Projekt nicht nur Anschauungsunterricht, sondern kann ihnen auch als Experimentierfeld dienen. Schon nur die sanfte Anpassung des Baus an die von den künftigen Nutzern definierten Bedürfnisse stellt die Macher vor knifflige Aufgaben. Denn auf keinen Fall will man bei motoco dieses Juwel der industriellen Architektur, das bald einmal unter Denkmalschutz kommen dürfte, nach gängigen Prinzipien totalsaniert sehen. Geplant ist eine sowohl technisch als auch ästhetisch nachhaltige Transformation im Hinblick auf eine möglichst offene Nutzung.

Zentral in Schaubs Denken ist das «Bottom-up»-Prinzip, die Entwicklung von unten. Natürlich braucht ein solches Projekt eine juristische Struktur und Regeln, doch keine «Rezepte von gestern», sondern Freiheit, Unabhängigkeit und Improvisation sollen die Triebfedern sein. «Nur so entsteht Kreativität», sagt Schaub und denkt dabei weit über die Region hinaus. So findet im Bau 75 auf Initiative von Hyperwerk HGK FHNW demnächst ein Workshop mit indischen Fachkräften zum Thema Bambushäuser statt. Seine ersten Mieter fand der Verein motoco sofort, darunter auch die Basler Gruppe Fakt («Kunst und Musik»), die eine Lounge installierte und «unplugged sessions» veranstalten will. Offenburger Filmstudenten zeichnen diese auf, in den Köpfen schwebt die Idee einer unabhängigen Fernsehsendung. Für den Sommer ist ein Festival geplant. Aber auch für Einzelmasken wie die Basler Bildhauerin Barbara Schnetzler ist das Areal eine Chance. Sie fand hier einen geeigneten Raum für die Arbeit an ihren grossen Holzplastiken und schätzt den «Kontakt mit andern Künstlern und Kulturen». Für alle, die sich da mal umsehen wollen, ist an jedem ersten Sonntag des Monats Tag der offenen Tür.

Talentzur Vernetzung

Dass motoco so schnell Fuss fassen konnte, ist Mischa Schaubs Talent zur Vernetzung zuzuschreiben. So gelang es ihm, das Projekt in die Initiative Triptic 2013/2014 von Pro Helvetia einzuschleusen, die noch bis Mai den trinationalen Kulturaustausch am Oberrhein fördert. Mit im Boot ist da neben den zuständigen Stellen in Frankreich und Deutschland auch die Kulturabteilung von Basel-Stadt. Am 21. Mai wird die Triptic-Finissage bei motoco stattfinden, gleichzeitig mit der Vernissage der «Ateliers ouverts»: Unter diesem Siegel geben im ganzen Elsass rund 300 Kunst-und Kulturschaffende Einblick in ihre Aktivitäten. Parallel dazu wurde motoco ein offizielles Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA Basel 2020, die im trinationalen Raum Basel konkrete Entwicklungsprojekte begleitet und die grenzüberschreitende Gesamtplanung in der Region fördern will. Mischa Schaub denkt aber schon weiter: Das Dreiland könnte dereinst von der Unesco zu einer «Region des Designs» gelabelt werden. Wobei der Vordenker unter Design nicht nur die Gestaltung einzelner Objekte versteht, sondern die umfassende Ausrichtung der Gesellschaft und ihrer Produktionsformen – inhaltlich, strukturell, städteplanerisch und architektonisch – auf die postindustrielle Zukunft.

Weitläufig. Auf drei Stockwerken werden Räumlichkeiten günstig untervermietet.

Weitläufig. Auf drei Stockwerken werden Räumlichkeiten günstig untervermietet.
Krise als Chance

Vorerst aber geht es mal weiter im Bau 75, wo auch eine öffentliche Zone mit Ausstellungsraum und «FabLab» (offenes Hightech-Zentrum) geplant ist; einen Cafeteriabetrieb gibt es bereits. Das Publikum soll mit eigenen Augen verfolgen können, was hier angedacht und bewerkstelligt wird. Dabei scheut sich Schaub nicht, den Begriff Disneyland in den Mund zu nehmen. Gemeint ist damit, dass das Zukunftslabor möglichst viel Bürgerinnen und Bürger animieren und sich zu einem «Kraftzentrum» entwickeln soll, das als «Arche Noah des postindustriellen Zeitalters» Zeichen setzt. Nicht von ungefähr kommt, dass man für ein motoco-Filmprojekt in eigener Sache – «wir sind Subjekt und Objekt der postindustriellen Entwicklung zugleich» – auch in Detroit dreht, wo sich nach Jahren des brutalen wirtschaftlichen Niedergangs erste Anzeichen für einen Umkehrschub ausmachen lassen. Die Krise als Chance. Schaub ist es ernst mit diesem geflügelten Wort:«Es bleibt uns gar nichts anderes übrig.» Und darum hat er mi tseinem Verein auch bereits ein Auge auf die restlichen 90 000 Quadratmeter des DMC-Areals geworfen. Gespräche sind im Gang, und sowohl Mülhausens jetziger UMP- Bürgermeister als auch sein sozialistischer Herausforderer stehen den motoco-Ambitionen grundsätzlich positiv gegenüber.

«bottom-up»-Aktivitäten

«Wir verfolgen das Projekt mit grossem Interesse», sagt Sophie Plawinski, Direktorin für Entwicklung und Stadterneuerung bei der Serm. Sie möchte aber erst einmal den Kongress «open campus» abwarten, mit dem motoco die nächsten Schritte der Projektentwicklung konkretisieren will. Und Plawinski gibt zu bedenken, dass die Stadt insbesondere auch an der IT-Branche interessiert ist.

Mischa Schaub geht es nicht darum, in Mulhouse ein Machtfaktor zu werden. Er macht sich für eine Gründerwelle stark, die sich von herkömmlichen Businessplänen verabschiedet. Gemäss seiner Planung sollen sich die «bottom-up» -Aktivitäten auf dem Areal in autonome Bereiche entflechten. Neben der Denkfabrik motoco soll «openfab» für den Produktionsbereich stehen, «openhost» für einen neuartigen Hotel- leriebetrieb, «openmedia» für unabhängige Medienarbeit und «openparc» für den öffentlichen Raum. Die Verwendung des Wortes «open» – aus Wissenschaft und Informationstechnologie kennen wir es auch in der Verbindung «opensource» – mag inflationär klingen, doch Offenheit und Durchlässigkeit sind das A und O des Konzepts. Für eine Unterstützung des Gründungskongresses «open campus» bewirbt sich motoco derzeit bei der trinationalen Oberrheinkonferenz– weniger wegen der beantragten 15 000 Euro, als um das Projekt im öffentlichen Bewusstsein der Region ein Stückchen mehr zuverankern. Vor den Toren Basels ist – von den hiesigen Medien noch weitgehend unbemerkt – etwas am Entstehen, das einem unkonventionellen Denken entspringt, Theorie und Praxis vereinen will, auch wenn das Ganze vorerst noch etwas gar kulturlastig ist. Der Mensch lebt ja – auchin der postindustriellen Zukunft – wohl nicht von Kultur allein. Falls das Projekt weiter Fuss fassen kann, dürfte es schon nur aufgrund seiner angestrebten Dimension, die alle bisherigen Umnutzungsprojekte der Region überflügeln würde, Bedeutung erlangen. Nicht nur für Mulhouse. Denn nun, da Brüssel nach der Abstimmung vom 9. Februar der Schweiz gegenüber auchbildungspolitisch einen härteren Ton anschlägt, könnte es sich für die HGK Basel als nützlich erweisen, mit einem in ihrem Schoss entstandenen unabhängigen Ableger – wenn auch nur indirekt – auf EU-Boden vertreten zu sein.

Association motoco, Mulhouse.

13 Rue de Pfastatt. Tag der offenen Tür jeweils am ersten Sonntag des Monats; Zufahrt über Autobahnausfahrt 117. www.hyperwerk.ch,www.motoco.me

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